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Tabubrüche in den Medien
Warum sie uns reizen und was sie für die Gesellschaft bedeuten |
Pressemitteilung
Massenmedien wollen Aufmerksamkeit. Deshalb setzen sie auf Regelverletzungen, Empörung und Skandale. Zum Ziele der Gewinnmaximierung, so der stillschweigende Vorwurf, nehmen die Massenmedien daher die moralische Verwahrlosung unserer Gesellschaft billigend in Kauf.
Eine gemeinsam von der Freiwilligen Selbstkontrolle Fernsehen (FSF) e.V. und der Freiwilligen Selbstkontrolle Multimedia-Dienstanbieter (FSM) e.V. organisierte Tagung ging daher am Mittwoch, dem 15. Juni 2011 der Frage nach, welche Funktion Tabus in modernen, pluralistischen Gesellschaften zukommt und welche Rolle Medien beim Brechen, Verändern oder Setzen von Tabus spielen.
Aus Sicht von Prof. Dr. Hartmut Schröder (Europa Universität Viadrina, Frankfurt/Oder) sind unsere modernen westlichen Gesellschaften nur scheinbar aufgeklärt und enttabuisiert. Tabus, so Schröder, bilden zentrale Werte einer Gesellschaft ab und zeigen sich etwa in bestimmten sprachlichen Strategien wie Umschreibungen oder Euphemismen. Sowohl sprachliche als auch nichtsprachliche Tabus sind jedoch vom jeweiligen Kontext abhängig. Vieles, was etwa im privaten Umfeld gesagt oder getan wird, unterlässt man in der Öffentlichkeit. Von Verboten, die explizit und kommunizierbar sind, unterscheiden sich Tabus dadurch, dass sie unbewusst befolgt werden und keiner weiteren Begründung bedürfen. Dadurch tragen Tabus zur Stabilität und Identifikation einer Gemeinschaft bei und verhindern Konflikte. Zugleich, so Schröder, bestehe jedoch die Gefahr, dass sie instrumentalisiert werden. Der Tabubruch ist somit auch ein notwendiges Korrektiv, um Gesellschaften anpassungsfähig und lebendig zu erhalten.
Die modernen Massenmedien stellen, wie der Medienwissenschaftler PD Dr. Gerd Hallenberger zeigte, einen eigenen Tabubereich dar. Mediale Grenzüberschreitungen sind zwar Abbilder gesellschaftlicher Tabus, betreffen jedoch vor allem die Darstellungs- und Inszenierungsmöglichkeiten des jeweiligen Mediums. Entsprechend ist die Resonanz medialer Tabubrüche von der Reichweite des Mediums, seinen Akteuren und dem jeweiligen Format abhängig. War etwa das Fernsehen in den ersten Jahrzehnten Beobachter gesellschaftlicher Grenzüberschreitungen, so ist es heute ein wesentlicher Akteur. Die Kunst inszenierter Aufmerksamkeit, so Hallenberger, liege darin, die Grenzüberschreitung mit einer gewissen Akzeptanz und dem gesellschaftlichen Wertewandel auszubalancieren.
Anhand von Einspielungen ausländischer Produktionen machte Panagiotis Trakaliaridis, beim ZDF zuständig für Identifizierung neuer Programmformat-Trends, deutlich, dass auch der inszenierte Tabubruch Regeln folgt. Die erfolgreiche mediale Grenzüberschreitung untergräbt niemals Moral schlechthin, sondern bricht Regeln, um andere moralische Normen zu stärken.
Diese Einschätzung bestätigte in der abschließenden Diskussion auch Ute Biernat, Geschäftsführerin von GRUNDY Light Entertainment. Claudia Mikat (FSF), Leiterin der Programmprüfung, machte deutlich, dass auch der Jugendmedienschutz zu einem Wandel von Tabus beiträgt, indem er Regelverletzungen expliziert, diskutiert und diskursiv einordnet. Eine Gesellschaft ohne Tabus sei jedoch nicht zu befürchten, wie auch Stefan Förner, Pressesprecher des Erzbistums Berlin, betonte.
Mediale Tabubrüche finden im gesellschaftlichen Diskurs zwar immer große Beachtung, aber die Medien sind gleichzeitig auch Tabuwächter, weil sie sich über die vermeintlichen Tabubrüche der Konkurrenz empören. In diesem Prozess entscheidet letztlich die Gesellschaft, welche Tabus sie stärken und welche sie schwächen will.
Über die FSF
Die Freiwillige Selbstkontrolle Fernsehen e.V. (FSF) ist die anerkannte Selbstkontrolleinrichtung der privaten Fernsehanbieter. Kern ihrer Arbeit ist die Prüfung von Sendungen unter Jugendschutzgesichtspunkten vor der Ausstrahlung. Darüber hinaus fördert sie den wissenschaftlichen Diskurs über Medienwirkungen und erstellt neben inhaltlichen Fachpublikationen zahlreiche Materialien für die schulische und außerschulische Bildungsarbeit.
Über die FSM
Die Freiwillige Selbstkontrolle Multimedia-Diensteanbieter e.V. (FSM) ist die anerkannte Selbstkontrolleinrichtung für den Bereich Telemedien. Der Verein engagiert sich in erster Linie für den Jugendmedienschutz – insbesondere die Bekämpfung illegaler, jugendgefährdender und entwicklungsbeeinträchtigender Inhalte in Online-Medien. Dazu betreibt die FSM eine Beschwerdestelle, an die sich jedermann kostenlos wenden kann, um jugendgefährdende Online-Inhalte zu melden. Die umfangreiche Aufklärungsarbeit und Medienkompetenzförderung von Kindern gehört zu den weiteren Aufgaben der FSM. Unter dem Dach der FSM sind neben der Selbstkontrolle Mobilfunk auch die Selbstkontrolle der Suchmaschinenanbieter sowie die Selbstkontrolle der Chatanbieter angesiedelt.
Kontakt und nähere Informationen zu den Referenten und Fachvorträgen
FSF e.V.: Camilla Graubner, Tel. 030 23 08 36 - 60, E-Mail: graubnerc[at-Zeichen]fsf.de
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