Videoworkshop an der Otto-Wels-Grundschule
"Wo kommen wir her", so lautete das Projektwochen-Motto
der Otto-Wels-Grundschule
in Berlin-Kreuzberg. Für die Klassenstufe 5 bot Bernhard Stolz,
der Lebenskundelehrer, einen Videoworkshop an. Bernhard lernten
wir vor einigen Jahren bei einer Fortbildung kennen. Er zählt zu
den Pädagogen, die regelmäßig das Thema Medien, Fernsehen und Film
in ihren Unterricht einbeziehen. Diesmal war es sein Anspruch, innerhalb
einer Woche einen Film entstehen zu lassen, der am letzten Projekttag
in der Schule vorgeführt werden kann. Das Thema war klar, aber wie
konnte man es in ein sinnvolles medienpädagogisches Projekt einbeziehen?
Vorbereitung
13 Kinder aus den verschiedenen fünften Klassen trafen sich am
Montagmorgen 13 Kinder mit den unterschiedlichsten kulturellen
Wurzeln. Da ist Ali, der sieben Jahre im Irak lebte, Edgar, der
mit drei Jahren von Kasachstan nach Berlin kam. Miriam ist in Polen
geboren. Atilas Vater ist Türke, er selbst aber in Berlin geboren.
So verhält es sich bei vielen der Schülerinnen und Schüler in dieser
Gruppe: Ein Elternteil oder beide stammen aus der Türkei, die Kinder
selbst aber sind in Deutschland geboren.
Unser Anliegen war es, den Schülerinnen Mittel und Möglichkeiten
zu zeigen, wie sie ihren kulturellen Hintergrund anderen Kindern
oder Erwachsenen mit den Ideen eines Videofilms näher bringen können.
Das bedurfte einer Reflexion des eigenen Kulturkreises sowie technischer
und dramaturgischer Fähigkeiten, die die meisten von ihnen nicht
besaßen. Sie lernten ziemlich schnell und mit Begeisterung, wie
die Technik anzuwenden ist. Doch wie so häufig fiel es ihnen schwer,
eine Dramaturgie zu entwickeln, in der die einzelnen Geschichten
der Kinder ihren Platz finden.
Irgendwann war die Idee geboren, einen Außerirdischen auf dem Schulhof
landen zu lassen.

Begeistert entdeckt von einigen Kindern bietet dieser ihnen an,
sie in ihr Raumschiff für eine kleine Reise mitzunehmen, wenn sie
bereit wären, ihm einiges über sich und ihr Leben auf der Erde zu
erzählen. Mit unserer Hilfe wurde diese "Rahmenidee" in
einzelne Szenen zerlegt und am zweiten Tag gedreht. Regie, Aufnahmeleitung,
Kamera und Schauspielerei, alles sollten die Kinder selbst bewältigen.
Es fiel ihnen nicht immer leicht, sich auf diese Arbeitsabläufe
zu konzentrieren, besonders dann, wenn Szenen mehrmals wiederholt
werden mussten.
Die Geschichte
In drei Gruppen sollten nun die Kinder auf unterschiedliche Weise
über sich und ihren kulturellen Hintergrund erzählen, um den Auftrag
des Außerirdischen zu erfüllen. Eine Jungengruppe entschied sich
für eine Kamerareise über die Landkarte bis in die Türkei. Fotoaufnahmen,
die das Leben in einer Stadt bebilderten, wurden durch einen Jungen
kommentiert. Er erzählte dem Außerirdischen von Moscheen, dem Marktreiben
und den Gewohnheiten der Türken. Ali konfrontierte Menschen auf
der Straße mit seiner irakischen Vergangenheit und wollte wissen,
was diese jeweils über "sein" Land wissen.

Die Mädchen versuchten sich zunächst gegenseitig mit der Kamera
zu porträtieren. Später hatten sie aber noch mehr Spaß daran, fremde
Menschen aus ihrem Freizeitumfeld in Berlin-Kreuzberg zu interviewen.
Hier erfuhren sie und wir, wie unterschiedlich der biographische
Hintergrund der Leute ist, die sich in diesem Stadtteil versammeln,
um zu leben und zu arbeiten. Da war die Eisverkäuferin aus Argentinien,
die gerne in Italien leben würde, aber zwei Kinder in Deutschland
hat und deshalb hier bleiben will. Ein Iraner, der einen türkischen
Imbiss betreibt und ein Libanese, der schon viele Jahre in Deutschland
lebt, aber seine Heimat immer noch liebt. Für Dilan, Miriam und
Adile schien es wohl ein Hilfsmittel zu sein, etwas über andere
zu erfahren, um über sich und ihre Familien nachzudenken.

Eine andere Jungengruppe um Atila und Robert, der als einer der
wenigen Mitschüler Deutsche Eltern hat, zeigen dem Außerirdischen
Plätze und Stellen, an denen sie sich aufhalten und spielen, wo
sie etwas essen oder trinken. Sie erklären ihm die türkische Flagge
und was ein Schwimmbad ist. Sie verbinden ihre Erklärungen mit dem
Wunsch, nun endlich vom Außerirdischen auf seine Reise ins All mitgenommen
zu werden.

Der Auftrag wurde erfüllt, und so werden alle Kinder von der Erde
abberufen, um mit ihm auf die Reise zum Planeten "Otulp"
zu fliegen. Das Raumschiff verschwindet, und was bleibt, ist ein
musikalischer Abspann, der an Star Wars erinnert ...

Organisation
Für ein solches Projekt sollte man sich personelle Hilfe besorgen.
Medienpädagogische
Einrichtungen der Umgebung, Offene
Kanäle und auch andere Einrichtungen, wie das unsere Beispiel
zeigt, finden eine Lösung oder stellen Personal zur Verfügung. Wichtig
ist, ein solches Projekt langfristig zu planen und zu organisieren.
Das Arbeiten im Team ist ebenso wichtig. Eine klare Zuordnung, wer
Kamera und Ton bedient, die Interviews führt oder eine Szene spielt,
erleichtert die Videoarbeit. Man sollte sich als Pädagoge rechtzeitig
mit der Videotechnik
vertraut machen, ohne zu viel Details erlernen zu wollen, denn dafür
ist im Projekt meist auch keine Zeit. Auch hierfür ist es unabdingbar,
Hilfe aus einer der genannten Einrichtungen zu organisieren. Nicht
vergessen werden sollte, dass die Endbearbeitung, der Schnitt des
Films, so schnell wie möglich realisiert wird. In unserem Fall haben
wir am vorletzten Tag begonnen die Aufnahmen zu digitalisieren,
um sie dann in die verabredete dramaturgische Struktur zu bringen.
Sollte das nicht möglich sein, so ist es zu empfehlen, den Termin
der Aufführung zeitnah zu setzen.
Filmvorführung und Auswertung
Der Film wurde am letzten Tag aufgeführt und von vielen Mitschülern
beklatscht. Schließlich handelte es sich um eine halbe Stunde Film,
die in einer Woche entstanden war. Viele Schüler der Gruppe entdeckten
ihre kreativen und kommunikativen Begabungen und Fähigkeiten. Einige
mussten auch feststellen, dass es nicht ausreicht, einfach nur die
Kamera in die Hand zu nehmen, um einen Film zu drehen. Die konzentrierte
Arbeit für ein Produkt, von dem man noch nicht weiß, wie es aussehen
wird, ist eine der schwierigsten Bereiche einer solchen Projektarbeit.
Spannend war zudem, welches Selbstbild im Zusammenhang mit den phantasievollen
Ideen entstehen kann und wie man sich selbst in dieser Videoarbeit
neu entdecken kann, indem man versucht, über andere etwas herauszufinden.
Wir kamen während der Dreharbeiten mit den Kindern über Filme und
Serien ins Gespräch, die sie in ihrer Freizeit sehen, und wir konnten
manche Anregung in ihrem Film verarbeiten, aber auch manche klassische
Dramaturgie völlig neu interpretieren. Dabei wurden mediale Angebote
hinterfragt und reflektiert sowie ein Bewusstsein darüber hergestellt,
dass filmische Geschichten mit einer bestimmten Absicht so oder
so erzählt werden. Bei Medienproduktionen geht es keinesfalls um
unveränderbare und festgelegte Wahrheiten oder Gestaltungsmerkmale.
Der Film wird noch auf einigen Videofestivals
für Kinder und Jugendliche gezeigt werden.

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