Die Produktion eines Trickfilms
Samstag
3. März 2001, 22.00 Uhr: Ein Angestellter des Frankfurter Lindner
Congress Hotels ist seit geraumer Zeit damit beschäftigt, Reste
bunter Knete aus dem Teppich des großen Tagungsraums zu entfernen.
Was er findet, sind Überreste einer bisher unentdeckten Marslandschaft,
eines Teddybärs, der Außerirdischen bei der Landung auf der Erde
behilflich ist, eines Pinguins, der einen Schneemann adoptiert und
Requisiten für einen Film mit dem Titel "Was du nicht willst,
das man dir tut, das füg auch keinem andern zu!".
Unweigerlich fragte er sich, was hier wohl passiert war, denn eigentlich
sollte hier am Wochenende doch nur die 6. Jahrestagung der "Von-Recklinghausen-Gesellschaft"
stattfinden.
Erstmalig wurde im Rahmen dieser Jahrestagung auch ein Workshop
speziell für 12 an Neurofibromatose
erkrankte Kinder und Jugendliche zum Thema "Wie werden Filme
gemacht? Wir produzieren einen Trickfilm" angeboten, den wir
im Auftrag von RTL durchführten.
Das Ziel
Innerhalb des Workshops sollten die Kinder die Möglichkeit erhalten,
mit Hilfe verschiedenster Materialien eigene Figuren zu entwerfen,
Landschaften zu gestalten und lernen, wie man diese anschließend
mit einer Filmkamera zum Leben erwecken kann.
Die Vorbereitung
Nach
einer kurzen Vorstellungsrunde begannen die Kinder mit der Produktion
ihres eigenen Trickfilms. Die von den Betreuern als schwierig erachtete
Phase der Ideenfindung einer Geschichte erwies sich für die Kinder
als völlig unproblematisch. Ihre Phantasie wurde angesichts der
Vielfalt der Materialien, die sich über drei Tische ausbreiteten,
sofort angeregt. In kürzester Zeit hatten sich die Kinder mit jeweils
gleichen Interessen in vier Kleingruppen aufgeteilt. Kurz wurden
die Ideen den anderen Gruppen vorgestellt, dann fielen die Kinder
über das Material und Werkzeug auf den Tischen her. Von nun an waren
sie völlig in ihre Arbeit vertieft: Woraus baut man am besten ein
Raumschiff?
Kann man Hamsterstreu als Wüstenlandschaft und Zucker oder besser
Mehl als Schnee verwenden? Bewegen sich die Figuren besser, wenn
man sie aus Draht und Stoff oder aus Knete anfertigt? Welche Farbe
haben die Steine auf dem Mars? Welche Teile an meiner Figur müssen
beweglich sein? Wie lasse ich für die Kamera unsichtbar einen Schneeball
aus Watte fliegen?
Am Ende des ersten Tages waren die Kinder nur schwer in ihrer Arbeit
zu bremsen. Bis spät in den Abend beim Abendessen oder im Hotelfoyer
wurde über Probleme der Gestaltung nachgedacht und diskutiert.
Video- Trickfilmtechnik
Am
Samstagvormittag bekamen die Kinder von uns eine Einführung in die
Kameratechnik. Bei der Trickfilmeinstellung einer Kamera werden
anstatt die für einen Film üblichen 24 Bilder pro Sekunde nur drei
einzelne Bilder (oder wenn möglich noch weniger) aufgenommen
danach schaltet sich die Kamera jeweils automatisch wieder aus.
Diese Funktion erfordert einige, nicht ganz unkomplizierte Menüeinstellungen,
mit denen sich die Kinder erst vertraut machen mussten. Anschließend
arbeiteten sie in ihren Kleingruppen an den Modellen weiter. Nach
und nach konnten die Kinder mit den eigentlichen Aufnahmen beginnen.
Erst jetzt stellte sich heraus, wie viel Spaß es machen kann, das
in mühevoller Kleinarbeit Aufgebaute in einzelnen Bildern auf digitalem
Videomaterial festzuhalten und durch die Aneinanderreihung der einzelnen
Aufnahmen eine eigene kleine Welt zum Leben zu erwecken.
In gleichem Maß war die Arbeit jedoch auch anstrengend, da sie sehr
hohe Konzentration erfordert und erst sehr viele Aufnahmen gemacht
werden müssen, um eine fertige Bewegung zu erkennen (8 einzelne
Aufnahmen für eine Sekunde Film!). Zwischen den Aufnahmen wurden
die Figuren bzw. Teile des Hintergrundes von den Kindern millimeterweise
bewegt, was wiederum hohe Aufmerksamkeit und Anspannung verlangte
und ihre motorischen Fähigkeiten trainierte.
Arbeitsteilung
Sie
arbeiteten fortan arbeitsteilig jeder durfte mal die Kamera
bedienen, die Figuren bewegen oder sich um die Ausleuchtung kümmern.
Es kann aber auch sinnvoll sein, die Aufgaben für das komplette
Projekt festzulegen, dadurch erspart man sich etwas Zeit.
Gruppen, die mit ihrem Trickfilm bereits fertig waren, konnten noch
ein wenig selbständig mit der Kamera arbeiten. Dabei entstand eine
von den Kindern inszenierte Talk-Show und ein von uns durchgeführtes
Interview, in dem drei Mädchen über ihre Erkrankung und die damit
verbundenen Schwierigkeiten in der Schule, mit Freunden oder in
der Familie, aber auch über ihre Wünsche und Hoffnungen für die
Zukunft sprachen.
Die Geschichten
Manche Gruppen versuchten innerhalb von 30 Sekunden eine abgerundete
Geschichte über Schneemänner, Pinguine, "Skeleton" und
auf dem Mars landende Gummibärchen zu erzählen. Andere experimentierten
mit dem visuell Machbaren und ließen durch explodierende Streichhölzer,
in Kamera grinsende Gesichter und eine glühende Rotlichtlampe spannende
"Kunstfilme" entstehen.
Endbearbeitung Schnitt
In
der Nacht schnitten wir die Trickfilme der Kinder zusammen, korrigierten
kleinere Fehler (z. B. Hände im Bild) und versuchten die Bilder
zu vertonen. Am Sonntagmorgen konnten die fertigen Filme den Kindern
dann zum ersten Mal komplett vorgeführt werden. Während wir für
jedes Kind eine Videoausspielung machten, bekamen die Kinder in
der Zwischenzeit die Aufgabe, mit Hotelbesuchern Interviews zu einem
selbst gewählten Thema durchzuführen. Wiederum arbeiteten die Kinder
selbständig und arbeitsteilig: Einige konzentrierten sich eher auf
die Befragung, die anderen achteten auf Kameraführung und Tonaussteuerung.
Es zeigte sich, dass Interviews am besten gelingen, wenn jemand
zu einem konkreten Thema und mit vorher genau überlegten Fragen
interviewt wird.
Auswertung
Zum Ende des Workshops waren die Kinder geschafft, aber auch glücklich
und stolz auf das, was sie geleistet hatten. Zum Abschluss trafen
sich alle Workshop-Teilnehmer, um die Ergebnisse zu besprechen und
die Filme und Interviews anzuschauen. Mit welchem Einsatz sie gemeinsam
an ihren Ideen gearbeitet hatten, wirkte auf uns und die Eltern
gleichermaßen beeindruckend.
Alle Beteiligten waren mit ihren Ergebnissen zufrieden und hatten
viel Spaß an der gemeinsamen Aktion. Viele Kinder hatten am Wochenende
neue Freundschaften geschlossen, tauschten Adressen aus und waren
froh, etwas unter Gleichgesinnten erlebt zu haben, bei dem einmal
nicht ihre Erkrankung im Mittelpunkt der eigentlichen Aktivität
stand.
Der Tagungsraum ist übrigens inzwischen von den Knetflecken und
aller Unordnung befreit und lässt sich wieder für Konferenzen und
Vorträge nutzen, auch wenn der ein oder andere Seminarteilnehmer
bei genauem Hinsehen noch ein paar helle Stellen im Teppich oder
Überreste der unbekannten Marslandschaft entdecken dürfte …


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