"Die Angstsituationen gehen einem tiefer rein" – Eine
Schülerbefragung zum Film "Das Experiment"
Wie
sehen Kinder und Jugendliche bestimmte Filme, über die sich Erwachsene
im Rahmen des Jugendmedienschutzes den Kopf zerbrechen? Um der Wahrnehmung
und Verarbeitung von Filmen durch die jüngeren Zuschauerinnen und
Zuschauern auf der Spur zu bleiben, führt die FSF regelmäßig medienpädagogische
Projekte durch.
Innerhalb einer festen Veranstaltungsreihe werden Schülergruppen
verschiedener Altersstufen in die Geschäftsstelle eingeladen, um
sie zu ihren Eindrücken und Ansichten bezüglich eines konkreten
Filmbeispiels zu befragen. Wie reagieren und verarbeiten sie Gewaltszenen
und Situationen, in denen Angst erzeugt wird? Welche Bedeutung hat
der Jugendschutz im Fernsehen für sie? Über all diese Fragen
erhoffen wir uns durch Einzel- und Gruppengespräche einen Einblick
zu verschaffen. Wir verfolgen jedoch nicht den Anspruch, repräsentative
Erhebungen durchzuführen. Ziel ist es vielmehr, beispielhaft Wahrnehmungen
derjenigen aufzuzeigen, um die es beim Jugendschutz schlussendlich
geht: die Kinder bzw. Jugendlichen selbst.
Das Experiment
In diesem Fall wurde drei Schülerinnen und drei Schülern eines
Berliner Gymnasiums der Spielfilm "Das
Experiment" (Deutschland, 2000) gezeigt. Der Film, der
auch von dem Projekt "Kino gegen Gewalt" der Bundeszentrale
für politische Bildung in der medienpädagogischen Schülerarbeit
verwendet wird, erscheint als besonders geeignet, da er von einem
leicht nachvollziehbaren Szenario ausgeht, in dem die Protagonisten
sehr unterschiedliche, kontrovers zu beurteilende Verhaltensweisen
zeigen. Er enthält darüber hinaus nicht nur verschiedene Formen
von Gewalthandlungen, sondern macht Gewalt auch selbst zum Thema
der Handlung.
Der zuständige FSK-Ausschuss attestierte dem Film eine "differenzierte
Behandlung des Themas Gewalt" und eine "klare Absage an
Gewalt als Konfliktlösungsmittel". Da der Film jedoch eine
16er-Freigabe erhielt, die am FSF-Experiment Beteiligten aber zumeist
erst kurz vor ihrem 14. Geburtstag standen, wurde über die Schule
bzw. Lehrerin Kontakt mit den Eltern aufgenommen, um deren Einverständnis
zu dieser betreuten Ausnahmesituation einzuholen.
Konkretes Ziel war es, in einem an die Videovorführung angeschlossenen
Einzelgespräch zu erfahren, wie die Schülerinnen und Schüler diesen
Film kurzfristig aufnehmen und verarbeiten, ob er attraktive Identifikationsangebote
bietet, welche verschiedenen Interpretationen die Darstellungsformen
zulassen und wie sich diese Unterschiede möglicherweise erklären
lassen. Besonderes Augenmerk wurde auf die Themen "Angst" und "Gewalt"
und auf Fragen des Jugendschutzes gelegt. Dafür wurde vorab ein
detaillierter Fragebogen
(pdf-Datei, 87kb) erstellt, so dass trotz individueller Interviewsituation
im Ergebnis möglichst vergleichbare Antworten vorliegen. Wesentlich
war auch, dass eine Dreiergruppe die ungeschnittene Kinoversion,
eine zweite Dreiergruppe aber die für eine mögliche Free-TV-Ausstrahlung
bearbeitete Version zu sehen bekam, ohne dass die Gruppen allerdings
vorab um diesen feinen Unterschied wussten.
Bewertung der Filmcharaktere
Schon
der erste Fragenkomplex zu einzelnen Charakteren des Films und deren
Handlungen in der Gefängnissituation ergibt erste Überraschungen:
Der Hauptdarsteller Moritz Bleibtreu wird in der Rolle des Tarek,
als Anführer der Gefangenen, nicht durchweg, wie vielleicht erwartet,
sympathisch beschrieben. Einerseits wird er als "nicht so einfacher
Mensch" gesehen, der, "wenn er Angst empfindet, ganz komisch und
unkontrollierbar" wird. Er sei "vom Charakter her nicht supersympathisch",
weil er für seine Zeitungsstory durch Provokationen "die ganze Gruppe
in Gefahr bringt", weil er "sich zu sehr darauf konzentriert, die
alle aufzupuschen". Über die Beschreibung des Charakters kommen
die Schülerinnen und Schüler zu klaren Bewertungen der Handlungsweisen:
mit seinem Verhalten "war er ein Faktor, der zur Eskalation beigetragen
hat, weil er alle anderen auch in Schwierigkeiten bzw. in Gefahr
gebracht hat". Die zielgerichtete Aufmüpfigkeit Tareks wird weder
von den Jungs noch von den Mädchen als positiv, "cool"
oder gar nachahmenswert beurteilt.
Es passt daher zur Beurteilung Tareks, dass die eher zurückhaltenden
Figuren unter den Gefangenen weitaus positiver bewertet werden,
beispielsweise Schütte, ein von einem Ferrari träumender Würstchenbudenbesitzer
oder Steinhoff, Major bei der Bundeswehr mit dienstlichem Beobachterauftrag
im Experiment. Schütte wird ganz besonders wahrgenommen, da er "ausgegrenzt"
wird, "keine Freunde" hat, im Gegensatz zu Tarek, "nicht so besonders
stark ist" und "sein Leben einfach nicht in den Griff kriegt". Er
erscheint als "guter Freund" bzw. "freundlicher Mensch" und damit
"vertrauenswürdig". Seine Ängstlichkeit "ist vielleicht
gut in der Situation gewesen", obwohl man an seiner Stelle "ein
bisschen mehr wagen" könnte. Die Schüler halten ihm seine einfache
und zurückhaltende Art zugute, sehen ihn vielleicht indirekt als
Opfer von Tareks Provokationen, denn Schütte wird in jenem Augenblick
zusammengeschlagen, als er Tarek zu Hilfe eilen will, nachdem dieser
erneut nach einer Provokation von den Wärtern körperlich angegriffen
worden war. Bei Steinhoff, der ebenfalls in seiner ruhigeren Art
"sympathisch" wirkt, wird allerdings auch dessen berufsbedingter
"Gehorsam" mehrfach betont. Auffällig ist, dass sich auch die Schülerinnen
ohne weiteres in eine dieser beiden männlichen Rollen hineinversetzen
können, obwohl mit der Figur Doro, der Affäre Tareks, ein deutlicheres
Identifikationsangebot für Mädchen gegeben ist. Doch ihre Rolle
scheint zu schwach in diesem Zusammenhang und wird von den Befragten
meist nur als, wenn auch schönes, dramaturgisches Moment zum "Ausschmücken
der Geschichte" verstanden. Ein Junge schreibt dieser Nebengeschichte
ein entlastendes Moment zu: "Dass der Zuschauer kurz durchschnaufen
kann, bevor es dann wieder richtig losgeht".
Bei den Wärtern wird die Entwicklung der zentralen Figur Berus von
einem stillen Mitläufer zum "Anführer" von den Schülerinnen und
Schülern deutlich gesehen und als unsympathisch bewertet. Die Frage,
ob sein Wandel im Film hin zu jemandem, der mit gewonnener Macht
Ernst macht, wenn er provoziert wird, scheint für sie überwiegend
nachvollziehbar: "Na, da sieht man mal, wie sich die Seele … verändern
kann. Die sollten ja eigentlich nur spielen, aber im Nu wurde daraus
Ernst. Die haben das genossen, dass sie sich schlagen dürfen." Er
handelt dann "zu extrem", "zu heftig" und entwickelt
sich zu jemandem, "mit dem man sich besser nicht anlegen sollte".
Auch die häufigen Provokationen durch Tarek werden nicht als Entlastung
für sein Verhalten angesehen.

Gewaltdarstellung und Erzeugung von Angst
Ein
zentraler Fragenkomplex zielt auf das Thema "Gewaltdarstellungen
und Erzeugung von Angst". Generell sind den Schülern viele
Gewalthandlungen aus ihrem Film- und Fernsehalltag präsent, und
sie unterscheiden dabei Formen der personalen und psychischen Gewalthandlungen.
So wird ein Gewaltfilm als ein Film definiert, "wo Blut fließt
und wo viel geschlagen und geschossen wird", wo "physische
und psychische Gewalt angewendet wird", "wenn die Leute
psychisch terrorisiert werden und dann am Ende nur noch Leute erschossen
werden" und "wenn man Menschen, die nicht so stark sind,
nochmal richtig niedermacht". "Das Experiment" ist
für die meisten der Befragten ein Gewaltfilm, auch wenn ihnen Filme
bekannt sind, in denen "viel mehr Gewaltszenen vorkommen".
Bei der Beurteilung dieser Szenen kommt es für die Schülerinnen
und Schüler darauf an, ob es sich um eine fiktive oder reale Handlung
handelt, die abgebildet wird: "Wenn es wirklich so passiert
ist", lautet eine Einschätzung, "dann ist es eher eine
Dokumentation. Aber wenn es Film ist, den sich jemand ausgedacht
hat, dann ist das schon ziemlich heftig."
Auffällig ist, dass bei der Frage nach konkreten Gewaltszenen im
"Experiment" die meisten Schüler psychische Gewaltformen
beschreiben: "Die Art, wie die Wächter nachher mit den Gefangenen
umgehen", "wie sie dem Tarek die Haare abschneiden",
"dass sie nackt die Nacht ohne Bett verbringen müssen",
"die werden blamiert mit Worten, werden ausgezogen, werden bepinkelt"
"Und die Szene, wo sie einen mit einem Zettel auf dem
Rücken [mit der Aufschrift "Weichei"] die Nacht über da
stehen lassen" oder auch das Einsperren in die "Black Box".
Die Gewalthandlungen der Gefangenen werden zumeist als "Verteidigung",
"Notwehr" und als "weniger schlimm" angesehen,
da "die Wärter mit Knüppeln und Handschellen ausgerüstet waren"
und "die Gefangenen nur ihren eigenen Körper zur Wehr"
hatten. Grundlage der Bewertung ist darüber hinaus die Unverhältnismäßigkeit
der Mittel: "Die [Wärter] waren eh schon überlegen", und
sie haben sie "auch nicht nur mit Worten beleidigt, sondern
richtig angegriffen".
Bei der Frage, ob die ängstigenden Situationen oder die Szenen physischer
Gewalt für sie schwieriger zu verarbeiten sind, zeigt sich eine
eindeutige Tendenz: Angstsituationen werden als problematischer
eingestuft, weil "man sich die eher merkt und sie auch länger
im Gedächtnis bleiben". Die Gewalt "kann man noch nachempfinden,
aber die Angstsituationen gehen einem tiefer rein."
"Seelische Gewalt sieht man nicht jeden Tag, die körperliche
Gewalt sieht man halt, und dann ist es wieder gut." Aber auch
an die Folgen der Gewalthandlungen wird gedacht: "Am schlimmsten
finde ich, wenn die Gewaltszenen vorbei sind und man die Schäden
davon sieht."

Jugendschutz und Sendezeit
Auf
das Thema "Jugendschutz" und der damit verbundenen Altersfreigabe
für diesen Film angesprochen, reichen die Angaben der Schüler von
13 bis 16 Jahren. Eine Altersfreigabe ab 12 Jahren wird von allen
abgelehnt: "Das ist dann schon eine zu krasse Konfrontation
mit Sachen, die sie nicht kennen." Eine Schülerin plädiert
für eine Altersfreigabe ab 13, "weil die dann auch darüber
nachdenken und sich selbst überdenken können". Andere äußern
Bedenken bezüglich der vorgegebenen Einteilungen, denn "manchmal
ist 16 wirklich einfach zu alt und 12 zu früh". So schlägt
ein Junge vor, "eine Stufe ab 14 zu machen", weil man
sich "in der Spanne zwischen 12 und 16 einfach sehr weit entwickelt".
Und was für einen selbst ertragbar ist, kann für andere schon zu
viel sein: "Ich vergleiche halt so mit mir, und mich hat es
schon schockiert. Und wenn ich mir dann andere 14-Jährige vorstelle,
die ich so kenne, die würden sowas nicht vertragen. Die würden halt
entweder angespornt davon oder völlig verschreckt sein und Angst
haben." Hier zeigt sich zwar auch wie so häufig der sogenannte
"Third Person Effect". Festzustellen bleibt jedoch, dass
die Mehrheit der Schülerinnen und Schüler nicht für ihre Altersgenossen
urteilen möchten.
Als sie sich dann auf eine zu empfehlende Sendezeit festlegen sollen,
schwanken die Vorschläge zwischen 20.15 Uhr und 24 Uhr. Die meisten
würden den Film jedoch ab 21 bzw. 22 Uhr zeigen. Als Argumentationsgrundlage
dienen ihnen dabei konkrete Situationen aus ihrem Medienalltag:
So plädieren sie gegen eine Ausstrahlung am Wochenende, weil "die
jüngeren Kinder da länger aufbleiben dürfen", denn "wenn
Schule ist, sagen die Eltern: 'Jetzt aber ab ins Bett!'."
Bei der Frage, was man tun müsste, um den Film auch Jüngeren zu
zeigen, sind fast alle der Meinung, dass man da nichts machen sollte,
"damit der ganze Sinn des Films erhalten bleibt". Grundsätzlich
würden sie jedoch einige Gewaltspitzen aus dem Film entfernen, so
etwa die Szene, in der einer der Wärter gegen eine Glasscheibe rennt
und "das Blut dann an dem Glas klebt" oder "wo die
dann am Ende in der Küche waren und sich alle gekloppt haben, ...
an der Stelle müsste man was ändern". Doch Schnitte sind für
sie auch kein Allheilmittel, weil: "Bei Schnitten wäre halt
der Film nicht ganz so blutig und brutal, aber dann wäre der Film
nicht mehr so ganz wahrheitsgemäß und kommt nicht mehr so gut rüber"
"Das, was eigentlich ausgedrückt werden sollte oder
auch unbedingt vom Filmemacher gezeigt werden sollte, würden sie
dann teilweise verschleiern."
Deutlich wird eine sehr differenzierte und sensible Wahrnehmung
der Schülerinnen und Schüler bezüglich der Figuren und Situationen.
Der Faktor Angst, der sich aus Grundstimmungen, aus dem Mit- bzw.
Gegeneinander der Beteiligten speist, wird intensiver und als unerwünschter
beschrieben als einzelne Gewaltszenen, die eher szenisch der Dramaturgie
zugeschrieben werden.

Fazit
Erstaunliches
Fazit ist die reife Haltung der Schüler: Sie würden weniger für
andere bestimmen wollen, aber vielmehr aus Selbstschutz heraus auf
einen Film wie "Das Experiment" verzichten. Sie plädieren hier aber
nicht generell für eine späte Sendezeit, die eine Teilnahme jüngerer
Zuschauerinnen und Zuschauer ausschließen würde, sondern meinen,
dass man ja durchaus um- oder ausschalten könne, wenn einem der
Film nicht gefalle oder die Angst unerträglich scheint. Sie fühlen
sich also nicht generell überfordert, würden sich aber der FSF-Risikodimension
"übermäßige Angsterzeugung" durch die Selbstkontrolle per Fernbedienung
entziehen.
Eine Gesprächssituation, wie sie in der FSF hergestellt wurde, bewerten
sie als äußerst positiv und wünschenswert für die Verarbeitung des
Gesehenen. Dies wäre als Appell an Elternhaus und Schule zu verstehen,
weniger über Verbote als vielmehr über Gespräche dem Fernsehkonsum
kritisch gegenüber zu treten. Dabei lässt sich allemal noch filmisches
Wissen vermitteln, denn bei aller Medienerfahrung über das Kinder
und Jugendliche tatsächlich verfügen, bleibt viel Gesehenes unverarbeitet.
So kann denn auch jener Schüler, der die Situation, als Tarek von
den Wärtern angepinkelt wird, als äußerst unangenehm empfunden hatte,
im Nachhinein mit einer Hintergrundinformation beruhigt werden,
dass dies zumindest für den Schauspieler nicht so schlimm war, da
es sich um einen "Trick" handelte. Es zeigt sich aber
an dieser Stelle, dass Realität und Fiktion auch in diesem Alter
und bei relativer Reflektiertheit nicht immer auseinander gehalten
werden: "Wenn ich da der Schauspieler gewesen wäre, dann wäre ich
auch ausgerastet. Aber wenn es Apfelsaft war, dann war es ja nicht
ganz so schlimm. Aber es ist eben ein Film und da soll es eben echt
aussehen. Und es sah auch echt aus."
An der Durchführung des Experiments beteiligt waren:
Alexander, Dennis, Luise, Martin, Theresa, Verena
sowie die Autoren
Leopold Grün, Vesna Guberacz, Christian Kitter, Katrin Sehap, Olaf
Selg und Mirijam Voigt.

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