Vorüberlegungen
Konflikte bilden die Ausgangslage für fast jede Fernsehsendung, und auch unabhängig vom Medium für jede Form der Erzählung einer Geschichte oder der Vermittlung von Informationen. Syd Field beschreibt dieses in seinem "Handbuch zum Drehbuch" anschaulich: "Ein Drama besteht aus Konflikten. Ohne Konflikte gibt es keine Handlung, ohne Handlung keine Figur, ohne Figur keine Geschichte ... und ohne Geschichte kein Drehbuch."
Lernziele
Ziel der Lerneinheit ist es, diesen Zusammenhang zu vermitteln, um Unterschiede zwischen filmisch dargestellten und realen Konflikten zu verdeutlichen.
Zunächst soll mit den Kindern gemeinsam eine allgemein verständliche Begriffsbeschreibung erarbeitet werden. Anhand dieser sollen die von ihnen geschauten Fernsehsendungen daraufhin untersucht werden, welche Art von Konflikten auf welche Weise dargestellt werden. Den Kindern soll verdeutlicht werden, dass das Fernsehen nicht oder nur sehr selten echte, ihren Erlebenswelten gleichende Konflikte und Konfliktlösungen zeigt und somit keine Wirklichkeit abbildet. Geht es im wirklichen Leben im Allgemeinen darum, einen Konflikt möglichst schnell zu lösen, ist es im Fernsehen aus dramaturgischen Gründen gerade umgekehrt: Ein Grundkonflikt wird über die Länge der Sendung in der Intensität gesteigert, um Spannung bzw. einen Spannungsbogen zu erzeugen. Gerade diese Andersartigkeit macht einen Reiz des Fernsehens aus. Nicht jeder Konflikt ist in der Realität lösbar, im Fernsehen aber – mit wenigen Ausnahmen schon, und das in 30, 60 oder 90 Minuten.
Es entsteht die Frage, ob Kinder die ihnen in Film und Fernsehen angebotenen Lösungsstrategien zur Bewältigung ihrer ganz persönlichen Alltagsprobleme unreflektiert übernehmen. Diese Lerneinheit bietet Möglichkeiten, Konfliktlösungsstrategien und deren Konsequenzen zu erkennen und zu hinterfragen, um anschließend realistische Alternativen zu erarbeiten. Für die konkrete pädagogische Arbeit bedeutet dies, Kindern aufzuzeigen, dass die Konflikte der Fernsehhelden oftmals andere sind als die der Kinder und sie auch nach anderen Spielregeln als im "richtigen" Leben gelöst werden.
Was ist eigentlich ein Konflikt?
Definition laut Duden:
Konflikt: 1. Streit, Zerwürfnis; 2. Widerstreit der Motive, Zwiespalt
Definition Knaurs Lexikon:
Konflikt: Zusammenstoß, Streit;
Innerer Konflikt: gleichzeitiges Bestehen von mindestens zwei ungefähr gleichstarken Verhaltenstendenzen im Individuum, entweder weil mehrere Objekte gleich verlockend bzw. gleich abstoßend sind oder weil gegenüber einem Objekt zugleich Annäherungsstreben und Aversion auftritt, das Objekt also ambivalent ist. K.-Situationen werden meist unlusthaft erlebt; ihre Spannung kann sich in Ausweichhandlungen entladen.
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Ein "Konflikt" besteht demnach aus mehreren, aufeinander aufbauenden Phasen:
- Ausgangslage (Widerstreit der Motive)
- Konfrontation (Auseinandersetzung/Streit)
- Auflösung (Zerwürfnis oder Einigung)

1.UNTERRICHTSSTUNDE
Analyse von Konfliktsituationen im Fernsehen
Ziele der Unterrichtsstunde
Die SchülerInnen
- sollen für die Verschiedenartigkeit von Konflikten sensibilisiert werden,
- erkennen die gemeinsame Struktur (Phasen) unterschiedlicher Konflikte,
- entwickeln Definitionsmerkmale des Begriffs "Konflikt",
- erkennen, dass Fernsehsendungen Konflikte thematisieren und diese nach einer der Realität ähnlichen Struktur ablaufen.
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Ablauf
- LehrerIn heftet eine oder mehrere Abbildungen an die Wandtafel, auf denen Auseinandersetzungen zu sehen sind.
- SchülerInnen beschreiben die dargestellte Szene und nennen ähnliche, möglicherweise selbst erlebte Situationen.
- LehrerIn weist auf die Möglichkeit hin, die Szenen der Bilder mit einem Wort (Begriff) zu benennen. Der Begriff "Konflikt" wird über die Abbildungen geschrieben.
- LehrerIn weist darauf hin, daß ein "Konflikt" nicht nur aus einem Streit bzw. einer Auseinandersetzung besteht, sondern sowohl eine Ursache als auch eine Folge hat. Die Oberbegriffe werden in das Tafelbild eingetragen (Ausgangslage/Ursache, Erscheinungsbild, Folge/Auflösung).
- SchülerInnen werden aufgefordert, die möglichen Ursachen und Folgen der jeweils dargestellten Situationen zu beschreiben. LehrerIn trägt die genannten Ergebnisse stichwortartig in das Tafelbild ein.
- LehrerIn verdeutlicht anhand des entstandenen Tafelbildes die Gemeinsamkeiten der Struktur von Konflikten (Ursache – Erscheinungsbild – Folge).
| Beispiel eines Tafelbildes zum Thema Konflikte |
| Ausgangslage/Ursache |
Erscheinungsbild/Konfrontation |
Folge/Auflösung |
| Lisa kommt zu spät von einer Party bei Freunden nach Hause. Ihr Vater hat sich Sorgen gemacht. |
Lisas Vater schimpft mit ihr. Lisa hat Angst, weil ihr Vater sie so laut anschreit.

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Beide einigen sich auf einen Kompromiss: Wenn sich Lisa wieder einmal verspäten sollte, wird sie ihren Vater anrufen und Bescheid sagen, damit er sich keine Sorgen mehr machen muss. |
| Dirk beleidigt die beste Freundin seines Freundes Stefan. Stefan sagt, er solle damit aufhören, aber Dirk macht immer weiter. |
Stefan hat die Nase voll und schlägt auf Dirk ein.

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Stefan ist beleidigt über Dirks Verhalten und Dirk meint, dass Stefan nicht gleich hätte zuschlagen müssen. Beide sprechen mehrere Wochen nicht miteinander. |
- LehrerIn zeigt den SchülerInnen einen aktuellen Ausschnitt einer bei Kindern beliebten Serie, der einen Konflikt beinhaltet. Die SchülerInnen sollen dabei folgende Fragen beachten: Beinhaltet der gezeigte Ausschnitt einen Konflikt bzw. einzelne Phasen eines Konflikts? In welche Phase/-n (siehe Tafelbild) kann der Ausschnitt eingeordnet werden?
- SchülerInnen und LehrerIn ordnen die dargestellten (Teil)Aspekte des Konfliktes in das Schema des Tafelbildes ein.
- Abschließende Diskussion über die Fragestellung, ob Fernsehsendungen generell alle drei Phasen der Konflikte beinhalten oder nicht.
- Hausaufgabe: SchülerInnen werden aufgefordert, bei den Fernsehsendungen, die sie in den folgenden Tagen sehen werden, darauf zu achten, ob sie Teile des Konfliktschemas wiedererkennen.
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Benötigte Arbeitsmaterialien/Vermittlungshilfen
- Fernsehtagebuch der Kinder (siehe Phase 1: Erfassen der Medienrealität)
- Abbildungen, die Konflikte bzw. eine Auseinandersetzung zeigen
- Ausschnitt einer aktuellen Fernsehserie oder eines Fernsehfilms, die/der einen Konflikt enthalten
- Videorekorder, Fernsehgerät
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Erkenntnisse und Hinweise
Diese Stunde verlangt von den SchülerInnen durch den überwiegenden Anteil an theoretisch zu vermittelndem Wissen eine hohe Abstraktionsleistung. Wir haben den beschriebenen Verlauf ausschließlich in einer 6. Klasse erprobt und können deshalb nicht ausschließen, dass es in den Klassenstufen 4 und 5 zu Schwierigkeiten bei der Stoffvermittlung kommen könnte. Da aber auch den jüngeren SchülerInnen verschiedene Formen von Streitigkeiten und Auseinandersetzungen aus ihrem eigenen sozialen Umfeld bekannt sind, ist es besonders wichtig, die Konfliktbeispiele so nah wie möglich an ihrer eigenen Lebenswelt anzusiedeln.
"Konflikte"
Der/Die Lehrer/-in sollte nicht mit dem Anspruch der Herausarbeitung einer allumfassenden Definition des Begriffs "Konflikt" an die Stunde herangehen. Vielmehr sollte er/sie mit Hilfe der vorgegebenen Beispiele (Abbildungen/Film- bzw. Serienausschnitte) sowie durch die Nennung eigener Beispiele beschrieben werden, so dass sich der Ausdruck für die Kinder auch ohne die explizite Verwendung des Begriffs "Definition" erschließen lässt. Eine feste Definition würde dem Ziel des Erkennens grundsätzlicher Konfliktstrukturen und der Anwendung dieser auf individuelle Situationen entgegenstehen und somit verhindern, dass die Kinder für die Verschiedenartigkeit von Konflikten sensibilisiert werden (die Definition im Kasten dient nur zur Hilfe). Das Feststellen von Gemeinsamkeiten, vor allem aber auch von Unterschieden soll den Abstraktionsprozess einleiten und damit zur Begriffsbildung führen. Die Anwendung dieses Wissens auf Konflikte in den von ihnen gesehenen Sendungen wird damit erleichtert.
Am Beginn der Einheit werden die Kinder wahrscheinlich noch nicht selbständig zwischen den Konfliktdimensionen (Ausgangslage Konfrontation Auflösung) differenzieren. Besondere Aufmerksamkeit gilt also der Vermittlung der Tatsache, dass ein Konflikt aus entgegengesetzten Interessen zweier "Parteien" und nicht nur aus der Konfrontation (Streit, Schlägerei etc.) besteht, sondern sich innerhalb einer gemeinsamen Struktur völlig unterschiedlich darstellen und entwickeln kann.
Geeignetes Filmmaterial
Auch bei der Suche nach geeigneten Film- und Serienausschnitten sollte der Fernsehalltag der Kinder berücksichtigt werden. Wenn von den SchülerInnen beispielsweise hauptsächlich Serien gesehen werden, sollte auch ein Ausschnitt aus einer dieser Serien gewählt werden.
Möglicherweise unterscheidet sich ab den Klassenstufen 5 und 6 der Fernsehalltag zwischen Jungen und Mädchen fundamental (Serien und Talk-Shows bzw. Actionfilme). Diese Unterschiede bestehen aber keinesfalls generell zwischen Jungen und Mädchen, auch zwischen den einzelnen Jungen bzw. Mädchen gibt es große individuelle Unterschiede. Eine genaue Tagebuchauswertung sollte darüber Aufschluss geben, und es lassen sich mit Sicherheit Überschneidungen bei den Sehgewohnheiten feststellen, die dann verwendet werden können.
Für die erste Stunde dieser Themeneinheit bietet sich eine Szene an, die, genau wie die am Anfang der Stunde verwendete Abbildung, ein konkretes Erscheinungsbild bzw. eine Konfrontation schildert. Da für die 2. Unterrichtsstunde die Ausgangslage eines filmischen Konflikts benötigt wird, sollten aus praktischen Gründen eine oder mehrere vollständige Folgen einer Serie zusammen aufgenommen werden.
In unserem Beispiel verwendeten wir einen Ausschnitt aus der Serie "Gute Zeiten, schlechte Zeiten". Die SchülerInnen diskutierten anschließend angeregt darüber, in welche Phase der gezeigte Ausschnitt einzuordnen wäre bzw. inwieweit der dargestellte Konflikt ihrer Meinung nach der Realität entspricht. Obwohl der zweite Aspekt Gegenstand einer weiteren Unterrichtsstunde ist (Stunde 3), leitete diese Diskussion schon zum Lernziel der 2. Unterrichtsstunde über: In jedem Fall sind es die Konflikte, die eine Film- oder Seriengeschichte interessant und spannend erscheinen lassen, aber damit auch streitbar machen. Sie entscheiden darüber, ob uns die Sendung gefällt oder nicht.
Weiterführende Behandlung des Themas
Die Auseinandersetzung mit Ursachen und Folgen von Konflikten könnte in weiteren Stunden Gegenstand von Rollenspielen und ähnlichen darstellerischen Bearbeitungsmöglichkeiten sein. Sollte die Klasse dem Lehrer/der Lehrerin bekannt und er/sie mit den sozialen Vorgängen (Außenseiter, anhaltende Streitigkeiten) vertraut sein, bieten sich Themen an, die die SchülerInnen beschäftigen bzw. Gegenstand von Auseinandersetzungen im Klassenverband sind. In bestimmten Fällen sollte jedoch darauf geachtet werden, dass die Konflikte geschlechtsspezifisch bearbeitet werden, da die behandelten Themen dieser Stunde über die Ansprüche der Medienpädagogoik hinausgehen können. Es ist möglich, dass Konflikte aufgeworfen oder zur Sprache gebracht werden (sexuelle Belästigung, Erpressung bzw. Nötigung), die in einer Unterrichtsstunde keinesfalls adäquat behandelt und erst recht nicht aufgefangen werden können. In diesem Fall ist eine Zusammenarbeit mit dem/-r Klassenlehrer/-in oder/und den Eltern anzuraten.

2. UNTERRICHTSSTUNDE
Bedeutung und Wirkung von Konfliktsituationen im Fernsehen
Ziele der Unterrichtsstunde
Die SchülerInnen
- lernen die verschiedenen aufeinander aufbauenden Phasen zur Entwicklung einer interessanten Geschichte kennen,
- erkennen, dass Konflikte zur Spannungserzeugung in Film- und Fernsehsendungen bedeutsam bzw. notwendig sind,
- finden dramaturgische Elemente, die die Spannungsentwicklung begünstigen,
- lernen, die Prinzipien des Spannungsbogens auf eine vorgegebene Filmszene kreativ anzuwenden, indem sie ihre Ideen schriftlich zu einem Text formulieren.
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Ablauf
- Auswertung der Hausaufgabe: Besprechung der Fernsehbeispiele und der Auffälligkeiten bezüglich einzelner Konfliktphasen.
- Lehrer/-in erläutert, dass Konflikte in Film- und Fernsehsendungen zur Spannungserzeugung notwendig sind.
- Lehrer/-in zeichnet das Schema eines Spannungsbogens an die Tafel und beschriftet die einzelnen Stufen.
- Während des Zeichnens werden die Phasen benannt und erklärt.
| Der Spannungsbogen |
Die Dramaturgie einer Filmhandlung lässt sich anhand verschiedener Phasen eines sogenannten Spannungsbogens verdeutlichen:
Einführung Problemstellung Konfrontation Auflösung Ende (bzw. Neu-oder Wiederbeginn)
Einführung:
Hier wird gezeigt, welche Personen und Charaktere sich in welchen Situationen und Orten befinden
Problemstellung:
Die Entwicklung der Handlung. Hier treten die vorgestellten Akteure in eine tragische oder komische Beziehung. Konflikte entwickeln sich.
Konfrontation:
Der Konflikt spitzt sich zu, eine Lösung muss gefunden werden.
Auflösung:
Der Konflikt löst sich auf bzw. ein neuer Konflikt (mit veränderter Ausgangslage) entsteht.
Dieses dramaturgische Grundkonzept findet sich in fast allen Filmgeschichten wieder, damit sie vom Publikum verstanden und als spannend empfunden werden. Es kann aber durch verschiedene Arten der Inszenierung variiert werden. So lässt sich die Spannung eines Konfliktes bspw. durch den Einsatz eines Ich-Erzählers bzw. durch eine intensive Betrachtung verschiedener Standpunkte steigern und hinauszögern. Andere Formen der Spannungsteigerung sind bewusste Verzögerungen der Handlung, das Zurückhalten von Informationen sowie die langsame Auflösung eines Konfliktes in Form von Rückblenden.
Spannungsbögen können sich je nach Genre unterschiedlich ausformen: In Soap Operas beispielsweise gibt es keine Auflösung/Entspannung nach einem überstandenem Konflikt, die Sendung bricht an der spannendsten Stelle ab, um den Zuschauer am nächsten Tag zum Wiedereinschalten zu motivieren. Die Lösung des Konfliktes vom Vortag wird zwischen neuen Konfliktszenen der aktuellen Sendung platziert. |
- Den SchülerInnen wird ein Ausschnitt eines (Fernseh)Films gezeigt, der ausschließlich die handelnden Figuren sowie Zeit und Ort der Handlung vorstellt (Einführung).
- Die Kinder entwickeln schriftlich in Stichpunkten (allein oder in Kleingruppen) die möglichen Konfliktkonstellationen (Problemstellung und Konfrontation der handelnden Personen). Dabei sollen Ideen für die Zuspitzung eines Konfliktes entstehen, Konfliktlösungen sollen jedoch noch nicht entwickelt werden.
- Die entstandenen Geschichten werden vorgestellt.
- Lehrer/-in verdeutlicht den Unterschied des Spannungsgehalts zwischen der gezeigten Einführung des (Fernseh)Films und den vorgestellten Konfliktkonstellationen und hebt dabei die Bedeutung und Wirkung von Konflikten zur Spannungserzeugung einer Handlung hervor.
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Erkenntnisse und Hinweise
Diese Unterrichtsstunde ist unserer Meinung nach eine der wichtigsten innerhalb der 2. Projektphase. Nachdem sich die SchülerInnen zuvor allgemein mit dem Wesen eines Konflikts beschäftigt haben, vertiefen sie diese Kenntnisse, indem sie sie kreativ anwenden. Sie werden Konflikte als ein spannungserzeugendes Element bei Film- und Fernsehproduktionen kennen lernen und bekommen somit einen Einblick in dramaturgische Strukturen des Films. Durch die Bearbeitung der Aufgabe, bei der besonders ihre persönliche Phantasie- und Vorstellungskraft gefragt ist, erfahren sie von der Möglichkeit, Konflikte und deren Verlauf variabel darzustellen. Durch die von ihnen erarbeitete Fortsetzung eines Konflikts einer vorgegebenen Spielfilmszene wird die Erkenntnis von der Subjektivität des Mediums vertieft. Ihnen wird in dieser Stunde besonders deutlich, dass Film und Fernsehen bzw. deren Inhalte veränderbar und zu gestalten sind.
Bei der Erläuterung des Spannungsbogens sollte auch auf folgenden Umstand hingewiesen werden: Die Formen der Dramaturgie verändern sich im Laufe der Zeit. Im Zuge des Kampfes um Einschaltquoten werden bei speziell für das Fernsehen produzierten Filmen die Phasen des Spannungsbogens mitunter derart variiert, dass man das konfliktauslösende Moment an den Anfang der Sendung setzt, um eine hohe Erwartungshaltung beim Zuschauer zu wecken und ihn vom Abschalten abzuhalten.
Es ist davon auszugehen, dass die von den Kindern erarbeiteten Situationen nicht alle Kriterien eines Spannungsbogens enthalten werden. So kann es z. B. vorkommen, dass einige SchülerInnen eine ausführliche Konfliktbeschreibung, aber eine (zu) schnelle Lösung formulieren ("... und dann vertrugen sie sich ..."). Andere werden möglicherweise ihre Probleme einer ausführlichen Konfliktbeschreibung zum Ausdruck bringen. Entscheidend ist jedoch nicht die perfekte Umsetzung eines idealen Spannungsbogens, sondern die individuelle Erfahrung vom kreativen Umgang mit dem vorgegebenen Material. Es ist daher wichtig, bei SchülerInnen, deren Arbeiten nicht dem Idealverlauf entsprechen, keine Frustrationen aufkommen zu lassen. Vielmehr lässt sich daran verdeutlichen, wie schwierig es ist, eine interessante Geschichte (Drehbuch) und damit einen guten Film zu entwickeln.
Bei dieser Übung wird darüber hinaus eines der wichtigsten Lernziele der gesamten Einheit weiterentwickelt: Die Herausbildung und Entwicklung eigener Bewertungs- und Beurteilungskriterien. Durch den Einblick in dramaturgische Besonderheiten und die kreative Arbeit an einer (filmischen) Ausgangssituation werden diese reflektiert und weiterentwickelt, da sich die SchülerInnen durch ihr Wissen und die Übungen eine andere Sichtweise auf die Strukturen von Film und Fernsehen erarbeiten.
Weiterführende Behandlung des Themas
Falls das Tafelbild der ersten Stunde noch zur Verfügung steht, können die Fernsehbeispiele der Kinder (Hausaufgabe) in das Schema eingetragen werden. Dabei ließe sich feststellen, ob der jeweilige Konflikt bzw. dessen Verlauf dem Schema entspricht bzw. welche Auflösung angeboten wurde.
Wenn eine weitere Unterrichtsstunde zur Verfügung steht, könnte das Filmbeispiel, von dem die SchülerInnen bisher ja nur die Einleitung gesehen haben, weitergeschaut werden. Vergleiche zwischen dem von ihnen entwickelten Konfliktverlauf und dem des Originals sowie eine genauere Untersuchung des Spannungsbogens mit Bestimmung der einzelnen Phasen wären dann Gegenstand des Unterrichtsverlaufs.
Natürlich lässt sich der Spannungsbogen auch zur Analyse eines kompletten Filmbeispiels verwenden. Aus der konkreten Untersuchung eines Films entwickelt sich bei den Kindern ein stärkeres Gefühl für die Wirkungsweisen.
3. UNTERRICHTSSTUNDE
Unterschiede zwischen Alltagskonflikten und Konflikten aus Film und Fernsehen
Ziele der Unterrichtsstunde
Die SchülerInnen sollen
- reale bzw. fiktionale Konfliktsituationen spielerisch darstellen,
- reale und fiktionale Konflikte unterscheiden können,
- Merkmale finden, die diese Unterscheidung repräsentieren,
- die Erkenntnis gewinnen, dass man sich in reale Konflikte aufgrund des stärkeren Bezugs zur eigenen Lebenswelt besser hineinversetzen kann,
- erkennen, dass reale Konflikte mehr Handlungsmöglichkeiten bzw. -alternativen bieten.
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Ablauf
- Bezug nehmend auf die Inhalte der vorherigen Stunden verweist der Lehrer/die Lehrerin nochmals auf Charakteristika und Funktionen von Konflikten des alltäglichen Lebens im Gegensatz zu denen, die für einen gelungenen Spannungsbogen im Film bzw. im Fernsehen verantwortlich sind.
- Die Kinder werden darauf hingewiesen, dass es in diese Stunde mit Hilfe eines Rollenspiels, in dem die SchülerInnen Akteure einer Auseinandersetzung werden sollen, um den Vergleich der Inhalte dieser Konflikte geht.
Folgende Fragestellungen können dabei hilfreich sein: Werden im Fernsehen hauptsächlich Konflikte gezeigt, die auch in der Realität eine Rolle spielen? Finde ich die Themen meiner persönlichen Konflikte in den Geschichten des Fernsehens wieder?
- Die SchülerInnen der Klasse werden in ca. vier etwa gleichgroße Gruppen aufgeteilt.
- PädagogIn verteilt je Gruppe eine vorbereitete Karte, auf der jeweils ein Konflikt beschrieben ist (Vorschläge siehe nachfolgenden Kasten).
| Beispiele von Konfliktsituationen |
| Barbaras Schulleistungen haben sich verschlechtert. Ihr Vater Hajo droht ihr damit, den Reitunterricht zu streichen, falls sich ihre Leistungen nicht verbessern. Barbara hat jedoch gerade heute eine weitere 5 geschrieben ... |
| Claudia geht mit ihrer Mutter in eine Bank. Diese wird in diesem Moment überfallen. Die Täter verlangen, dass alle im Raum still sind, die Hände über den Kopf halten und die Kassiererin Geld aus der Kasse gibt. Claudia steht in unmittelbarer Nähe zum Bankschalter und hätte unbemerkten Zugriff auf den Notschalter ... |
| Karin ist sehr schlecht in der Schule und schreibt die Mathe-Hausaufgabe bei ihrem Freund Lothar ab. Am nächsten Tag werden die Aufgaben zurückgegeben und Lothar bekommt eine 6. Der Lehrer sagt ihm, er hätte die Lösungen von Karin abgeschrieben, die eine 2 bekommen hat. Lothar spricht mit Karin, aber die ist nicht bereit, den Irrtum aufzuklären. |
| Christian ist mit Freunden in die Disco gegangen, müsste aber längst wieder zu Hause sein, wo ihn seine Eltern Kirsten und Leopold schon vermissen. Da erhalten die Eltern einen Anruf. Ein Männerstimme sagt, dass er Christian entführt habe und nun Lösegeld verlange. Christians Mutter erkennt die Stimme des Mannes: Es ist ein Arbeitskollege von ihr. Kirsten macht sich alleine auf den Weg zu dessen Wohnung, überwältigt ihn und befreit Christian aus der Gefangenschaft. |
- Die SchülerInnen bekommen die Aufgabe, den Konflikt in einer Spielszene darzustellen. Dabei sollten die Rollenverteilung sowie die Einzelheiten der Inszenierung (Requisiten, Spielort etc.) den SchülerInnen überlassen werden.
- Während der Proben sollen die Gruppen für sich alleine arbeiten und sich noch nicht über die Konfliktinhalte austauschen.
- Die entstandenen Spielszenen werden anschließend den anderen Gruppen vorgeführt.
- Gemeinsam wird versucht, die Inhalte der gespielten Stücke mit Hilfe eines Tafelbildes in fiktionale und reale Konflikte einzuteilen.
- Die SchülerInnen sollen dabei ihre Entscheidungen begründen. Woran erkennt man, dass dies ein "fernsehtypischer" Konflikt ist? Wäre es interessant, die (von den Kindern dargestellten) alltäglichen Konflikte in einem Film zu sehen? Gibt es Konflikte, die sich im Film bzw. Fernsehen nicht darstellen lassen? Was macht diesen Konflikt zu einem "alltäglichen"? Könnten sich die "Fernseh-Konflikte" genauso auch in der Realität abspielen (typische Konfliktelemente siehe nachfolgenden Kasten)?
| Charakteristika realer und fiktionaler Konflikte |
| Reale Konflikte |
Fiktionale Konflikte |
- betreffen alltägliche Probleme (Schule, Elternhaus, Freundschaften)
- werden häufig überhaupt nicht ausgesprochen, weil man die Auseinandersetzung scheut
- bestimmen häufig das Miteinander der Mitglieder einer Gruppe (Klassenkameraden, Freunde, Familienmitglieder)
- sind Probleme ohne eine einfache und schnelle Lösung
- wiederholen sich immer wieder, auch nachdem sie schon gelöst schienen
- verlaufen meist sehr spannungsarm
- werden nicht durch ein "Wunder", eine "entscheidene Wendung" oder von einer übermächtigen Person gelöst
- lassen sich manchmal unspektakulär lösen
- beruhen häufig auf unausgesprochenen Missverständnissen
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- bieten klare und einfache Lösungen
- werden meist offen ausgetragen
- beinhalten häufig gewalthaltige Lösungsstrategien
- schildern spannungreiche Probleme
- zeigen Probleme, die schnell bzw. genau über die Dauer einer Sendung gelöst werden (Ausnahme: Daily Soaps. Hier wird ein Konflikt über mehrere Folgen ausgedehnt)
- werden häufig auf ein Schlüsselerlebnis hin zugespitzt (z. B. Lösegeldübergabe)
- lassen "Fremde" ins Geschehen eingreifen (z. B. Bankräuber, Entführer)
- lassen "normale Menschen" plötzlich über sich hinaus wachsen oder schreiben ihnen "übermachtige Fahigkeiten" zu
- beinhalten häufig den Auftritt von übergeordneten Instanzen (Polizei, FBI, CIA, andere Geheimdienste)
- bei Daily Soaps: Im Laufe der Serie haben fast alle Protagonisten unter- bzw. miteinander ein Problem. Dauerhaftes Miteinanderauskommen würden diese Sendungen überflüssig machen.
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| Anmerkung: Die genannten Punkte dürfen nicht statisch betrachtet werden, sie dienen viel eher einer groben (erweiterbaren) Einteilung von Konfliktmerkmalen. Natürlich können reale Konflikte auch typische Merkmale von fiktionalen Konfliktdarstellungen aufweisen. Dagegen versuchen fiktionale Konfliktdarstellungen meistens, das Problem so realistisch wie möglich zu schildern, verwenden letztendlich dann doch häufig spannungssteigernde Elemente, um das Interesse beim Zuschauer zu erhalten. |
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Benötigte Arbeitsmaterialien
Requisiten für die Rollenspiele, die es den Zuschauern erleichtern, die beschriebenen Konfliktsituationen zu erkennen
Erkenntnisse und Hinweise
Bisher wurde der Themenbereich "Konflikt" entweder mittels eigener Kenntnisse reflektiert oder durch Abstraktionsleistungen neu erfasst. In dieser Stunde sollen sich die Kinder in spielerischer Form mit Konflikten auseinander setzen. Das Rollenspiel, bei dem sie aufgrund der eingeschränkt zur Verfügung stehenden Zeit auf eine Beschränkung der Probezeit achten sollten, bietet ihnen dabei die Möglichkeit, sich in die Lage verschiedener Konfliktparteien (Personen) hineinzudenken. Sie entwickeln dabei einen direkten Bezug zur jeweiligen Situation und ein Gefühl für die Handlungsmotive. Dies ermöglicht ihnen eine genauere Reflexion darüber, wie sie den Konflikt und die Handlungen der Personen bewerten bzw. wie sie sich möglicherweise selbst in einer solchen Situation verhalten würden.
Eine Bewertung der unterschiedlichen Konflikte und die häufig damit verbundene generelle negative Beurteilung der Darstellung von Konflikten in Film- und Fernsehen durch Pädagogen ist nicht das Ziel dieser Unterrichtsstunde. Der entscheidende Punkt ist vielmehr die verstärkte Wahrnehmung und Auseinandersetzung mit den der Kinder eigenen, das heißt realen Konflikten, die auch zu einer Neubewertung bzw. Einordnung von Konfliktdarstellungen im Fernsehen führen sollen. Durch das spielerische Hineinversetzen in die am Konflikt beteiligten Personen soll ihr Interesse an differenzierten und nachvollziehbaren Konfliktdarstellungen in Filmen und Fernsehensendungen geweckt werden. Die Weiterentwicklung von Bewertungs- und Beurteilungskriterien wird somit auch in dieser Unterrichtsstunde gefördert.
Wir arbeiteten in unserem Projekt ohne Vorgabe von Konfliktsituationen und stellten dabei fest, dass die einzelnen Gruppen zu viel Zeit für die Ideenfindung benötigten und diese somit für das kreative Spiel sowie für die Auswertung verloren ging. Eine Vorgabe erleichtert sicherlich den Einstieg und kann zusätzlich durch Ideen der Kinder variiert werden.
Während es den SchülerInnen in der Phase der Ideenfindung wesentlich attraktiver erschien, fiktionale Konflikte spielerisch darzustellen, konnte man bei der Umsetzung der realen Konfliksituationen feststellen, dass sie diese wesentlich differenzierter und lebendiger zur Aufführung brachten. Die anschließende Gruppendiskussion bestätigte diesen Eindruck, auch hier wurde, entgegen der Erwartung, intensiver über Ursache und Folgen von realen Konfliktsituationen gesprochen.
Da mit dieser Unterrichtsstunde die Lerneinheit "Konflikte" abgeschlossen wird, empfiehlt es sich, die wesentlichen Erkenntnisse gemeinsam mit den Kindern zusammenzufassen.
Weiterführende Behandlung des Themas
Zu diesem Themenkomplex gehört auch die Beschäftigung mit Handlungsalternativen in Konfliktsituationen. Wir betrachten es als sinnvoll, dies in der Lerneinheit "Gewaltdarstellungen in Film und Fernsehen" zu bearbeiten. Sollte aber in der 3. Stunde über diesen Aspekt Gesprächsbedarf entstehen, empfiehlt es sich, an den vorgegebenen Situationen weiterzuarbeiten und verschiedene Reaktionen und Handlungen "durchzuspielen".

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