Freiwillige Selbstkontrolle Fernsehen e.V.   
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Freiwllige Selbstkontrolle Fernsehen e.v.
Phase 2: Lerneinheit Filmrealität
1. Unterrichtsstunde | 2. + 3. Unterrichtsstunde | 4. + 5. Unterrichtsstunde

Vorüberlegungen

Es existieren globale Unterscheidungsursachen über die "Lesart" und Wirkung von Bildern, wie kulturelle Traditionen oder gesellschaftliche Verhältnisse. Aber auch innerhalb eines Kultur- und Gesellschaftskreises gibt es große individuelle Differenzen, abhängig von der Situation und den biographischen und sozialisationsbedingten Besonderheiten des Betrachters.

Lernziele

Im Unterricht sollen die Kinder für diese Zusammenhänge mit Hilfe praktischer Übungen sensibilisiert werden. Sie sollen z. B. zu einer Filmszene, die sie ohne Ton sehen, einen "passenden" Dialog entwerfen und aufschreiben. Das erfordert von ihnen die genaue Betrachtung der Bildabfolge und eine Vorstellung darüber, was sich in der Situation inhaltlich und bei den handelnden Personen emotional abspielen könnte. Die SchülerInnen werden durch diese Übung die Einsicht gewinnen, dass die (inhaltliche) Realität des Films, nicht so sein muss, wie sie sich darstellt. Ein Filmemacher oder Drehbuchautor versucht mit dem Dialog zwischen Personen den Handlungsstrang fortzusetzen und beim Zuschauer eine emotionale Wirkung auszulösen. Er verfolgt eine Absicht. Dieser Inhalt und die damit verbunden Wirkung sind austauschbar, können (beispielsweise während der Dreharbeiten) verändert werden.
In diesen Unterrichtsstunden bestimmen und verändern die Kinder den Inhalt der Filmszene. Damit verändern sie möglicherweise die Aussage eines ganzen Films. Als wesentlicher Nebeneffekt wird ihnen dabei das Prinzip der Filmmontage deutlich.

 

1. UNTERRICHTSSTUNDE

Der eigene Filmdialog

Ziele der Unterrichtsstunde

Die SchülerInnen sollen

  • die Grundstimmung einer Film- oder Serienszene erfassen und einen eigenen Dialog dazu entwickeln.
  • die eigenen schöpferischen Gestaltungsmöglichkeiten entdecken und wahrnehmen.
  • erkennen, dass der Filmdialog keine unveränderbare Realität/Wirklichkeit darstellen muss.


Ablauf


  1. Das Stichwort "Drehbuch" (siehe Lerneinheit "Filmwissen") wird aufgegriffen und erklärt, dass darin u. a. die Gespräche/Dialoge der handelnden Personen enthalten sind.

    Der Dialog
    Ein Dialog, in dem Personen über sich, über jemanden oder miteinander sprechen, bewegt eine Geschichte vorwärts, gibt Fakten und Informationen an den Zuschauer weiter. Der Dialog legt etwas von den handelnden Personen offen und schafft die beabsichtigten Beziehungen zwischen den Figuren des Films.

  2. Es wird auf die Tatsache hingewiesen, dass Filmemacher bzw. Drehbuchautor einen Dialog mit bestimmten Absichten auswählt und gestaltet.
  3. Es wird eine Szene aus einem Spielfilm gezeigt, ohne dass der Dialog zu hören ist.
  4. Die SchülerInnen bekommen die Aufgabe, zu dieser Szene einen selbsterdachten "passenden" Dialog zu schreiben. Beispiel eines entstandenen Textes, der auch beispielhaft an der Tafel festgehalten werden kann:

    Heike (schwitzend und in Eile): Hast du kurz Zeit für mich, ich muss dir was zeigen?!

    Silke (irritiert und genervt): Was soll das denn schon wieder. Ich lasse mich hier in keine Sache mit hineinziehen!


  5. Abschnitte des Dialogs werden wiederholt vorgeführt.
  6. SchülerInnen formulieren ihren Text.
  7. Szene wird nochmals komplett gezeigt.
  8. SchülerInnen tragen ihre Dialoge vor, während die Szene läuft.
  9. Gesprächsrunde über Gemeinsamkeiten und Unterschiede der Dialogfassungen.
  10. SchülerInnen begründen den Ablauf ihrer Version.
  11. Vorführung und Vergleich mit der Originalfassung.
  12. LehrerIn weist auf die Tatsache hin, dass die Kinder mit ihren Dialogen beim Zuschauer möglicherweise eine andere Wirkung als im Original erzielen


Benötigte Arbeitsmaterialien

Dialogsequenz aus einem Spielfilm (nicht länger als 2 Minuten)


Erkenntnisse und Hinweise


Verwendung der wörtlichen Rede?

Den SchülerInnen fiel diese Übung zunächst relativ schwer, da sie sich bemühten, den Dialog lippensynchron nachzustellen und unbedingt herausfinden wollten, "was wirklich gesprochen wurde". Erst nach wiederholter Erläuterung der Aufgabe, entdeckten sie die Möglichkeit, eigene, frei erfundene, aber zur Gesamtsituation passende, Dialoge zu verfassen.
Einige SchülerInnen der Klassenstufe 4 sahen sich noch nicht in der Lage, die wörtliche Rede zu verwenden und benannten dafür die ihrer Meinung nach erkennbare, emotionale Stimmung der jeweils eingeblendeten Person.
Die von uns vorgegebene Sequenz (ein Ausschnitt des Films "Willkommen im Tollhaus", USA 1995) war geprägt durch die Ausgangssituation "Eine Familie am Esstisch". Der sichtbare Streit zwischen einem größeren und einem kleineren Mädchen spiegelte sich in den von den Schülerinnen selbst verfassten Dialogen wider. Sie gebrauchten häufig Beleidigungen, Kränkungen und Vorwürfe in ihren Formulierungen:

Beispiel eines nachvertonten Dialogs

Linda (die ältere): Dumme kleine Kuh, du Petze! (leise zu ihrer Schwester Tina)

Tina (die jüngere): Mami, ich hab' Angst, Linda macht mir Angst.

Mutter: Ja, keine Angst, sie wird heute in einem anderen Zimmer schlafen.
(wendet sich zu Linda): Und Du, wehe Du ärgerst sie!

Linda: Sie kann mich mal am ...

Mutter: Sag nicht immer solche Ausdrücke!

Linda (zu Mutter): Ihr seid immer nur für die Kleinen.
         (zu Tina): Du Petze, ich kauf' Dir nie mehr was!

Linda: Du blöde ...

Mutter: He, sie hat Entschuldigung gesagt ... So, du gehst jetzt eine Stunde nach draußen!

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Alltagserfahrungen prägen die selbstgestalteten Dialoge

Die meisten Dialoge waren von den eigenen (geschwisterlichen) Alltagserfahrungen geprägt. Dennoch wurden große Unterschiede sowohl in der Verwendung von Sprache als auch in ihrer Zuordnung deutlich. Während einige Kinder den Schwerpunkt der Auseinandersetzung in den Dialog der beiden Mädchen verlagerten, formulierten andere Kinder den verbalen Eingriff der Mutter besonders rabiat. Meist wurde Bezug auf die eigenen häuslichen Verhältnisse genommen, nur selten wurden andere Filmbeispiele als Vorlage herangezogen. Es ist hilfreich die SchülerInnen ihre Textidee begründen zu lassen, da sie sich somit des kreativen Potentials ihrer eigenen Alltagserfahrungen bewusst werden können.

Auswahl des Filmausschnitt beeinflusst Kreativität

Bei der Auswahl einer Filmszene ist darauf zu achten, dass der gezeigte Ausschnitt nicht zu eindeutig den originalen Inhalt erkennen lässt bzw. nicht allgemein bekannt ist, damit die Gestaltungsmöglichkeiten der SchülerInnen nicht von vornherein eingeschränkt werden.

Lust auf mehr ...

Die Kinder waren verblüfft, wie viele der von ihnen entworfenen Dialogbeispiele ebenso den Bildern entsprachen wie der originale Filmdialog und entwickelten im Anschluss daran Projektideen, die sie am liebsten sofort hätten umsetzen wollen.


Weiterführende Behandlung des Themas

Sollten weitere Unterrichtsstunden und die entsprechende Technik zur Verfügung stehen, können die Dialoge der Kinder auf (Video)Band eingesprochen und anschließend als Tonspur auf das Bildmaterial des verwendeten Films geschnitten werden. Um einen ähnlichen Effekt wie bei einer richtigen Synchronisation zu erreichen, müssten die Kinder den Text auswendig lernen und beim Einsprechen ins Mikrofon auf die Bild- bzw. Sprechfolge achten.
Ausgehend von der hier beschriebenen Unterrichtsstunde wäre es möglich, ein eigenes Videoprojekt zu entwickeln. (Projektphase drei) Mit Hilfe ausgewählter Dialoge der Kinder, könnte in Kleingruppen eine Kurzgeschichte "um die Szene herum" (Anfang und Ende) erdacht, mit Rollen besetzt und anschließend eingeübt werden.

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2. + 3. UNTERRICHTSSTUNDE

Mehr als eine Flimmerstunde

Ablauf

In den folgenden Stunden werden die Kinder zunächst einen Spielfilm sehen. Dieser sollte, zur Erleichterung des Vorhabens, allgemein bekannt und beliebt sein, damit es wenig inhaltlichen Klärungsbedarf gibt. Im Anschluss erhalten die SchülerInnen die Aufgabe, zu diesem Film einen Kurzfilm bzw. Trailer zu entwickeln.
Die "Flimmerstunde" könnte möglicherweise auch außerhalb des Unterrichts, an einem Nachmittag oder Abend stattfinden.

Die SchülerInnen sollen sich während des Films jene Szenen notieren, die sie

  • als besonders wichtig für das Verständnis dieses Films betrachten,
  • gelungen oder lustig fanden,
  • als spannend empfanden.

Zu diesem Zeitpunkt sollte noch nicht über den Kurzfilm bzw. Trailer gesprochen werden. Die Notizen sollen unabhängig davon festgehalten werden, da die SchülerInnen sonst möglicherweise ausschließlich spektakuläre Szenen auswählen. Zudem entwickelt sich bei dieser Vorgehensweise eine gewisse Spannung bezüglich des weiteren Verlaufs der Übung.

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4. + 5. UNTERRICHTSSTUNDE

Erstellen eines Kurzfilms bzw. Trailers

Ziele der Unterrichtsstunden

Die SchülerInnen sollen

  • den Spielfilm rekapitulieren, sich eine begründete Meinung bilden und zum Ausdruck bringen;
  • verstehen, was ein Trailer ist und wozu er benutzt werden kann;
  • eine Differenzierung zwischen dramaturgisch wichtigen und persönlich bevorzugten Szenen vornehmen können;
  • Unterschiede zwischen ihren und anderen Trailern bewusst wahrnehmen und ihre Auswahl begründen können


Ablauf


  1. Einleitende Gesprächsrunde über gemeinsame und unterschiedliche Eindrücke und Meinungen zum Film.
  2. LehrerIn verweist auf die Möglichkeit, mit Hilfe der angefertigten Notizen eine ganz persönliche Version des Films anzufertigen.
  3. Es werden jeweils 10 Karteikarten verteilt und darauf verwiesen, dass die SchülerInnen maximal 10 Szenen für ihren Kurzfilm bzw. Trailer auswählen können.
  4. Die Trailerkarten werden zunächst nummeriert, anschließend sollen die Schüler entweder die Szene beschreiben oder zeichnen und beschreiben.
  5. SchülerInnen beginnen in Einzelarbeit, auf der Grundlage ihrer Notizen die Szenen auszuwählen.
  6. Sie erhalten die Aufgabe, zu Hause noch einmal über die Auswahl der Szenen nachzudenken und diese den Eltern oder Freunden anhand der Karten vorzustellen.

    Weiterarbeit in den folgenden Stunden:
  7. Die Schüler, die schneller fertig sind, entwerfen einen Sprechertext, der, wenn möglich, auf (Video)Band aufgezeichnet wird.
  8. An einer Videoschnittanlage können außerhalb des Unterrichts die jeweiligen Kurzfilme bzw. Trailer geschnitten und mit dem entsprechenden SprecherInnentext unterlegt werden.
  9. In einer der folgenden Stunden werden die Kurzfilme bzw. Trailer vorgeführt und über die möglichen Gründe von auffälligen Gemeinsamkeiten und Unterschieden bei der Auswahl der Szenen gesprochen.

Benötigte Arbeitsmaterialien/Vermittlungshilfen


  • Karteikarten A5
  • Farbstifte
  • Kassettenrecorder oder Camcorder mit Mikrophon


Erkenntnisse und Hinweise


Trailer

Trailer begegnen den Kindern im Kino und immer häufiger auch im Fernsehen. Sie zeigen den Kindern bestimmte Ausschnitte eines Films. Es handelt sich dabei um einen kurzen, meist spektakulären Zusammenschnitt, der die Zuschauer zum Einschalten oder zum Kinogang bewegen soll.

Notizen zum Film

Es dürfte unproblematisch sein, die Kinder zum nochmaligen Anschauen eines beliebten Films zu bewegen. Erstmalig werden sie dabei Notizen anfertigen müssen. Es wird einige Kinder geben, die immer wieder vergessen, die entscheidenden Szenen zu notieren. Da das Filmbeispiel jedoch allgemein bekannt ist, werden die wenigsten Mühe haben, in der folgenden Stunde ihre Eindrücke und Meinungen zum Film begründen zu können. Sie erinnern sich genauer und differenzierter und können so auch untereinander besser diskutieren.

Zwei Kriterien bei der Auswahl der Szenen

Das Thema der folgenden Stunden, einen eigenen Kurzfilm bzw. Trailer zu erstellen, stieß bei unserem Projekt auf unterschiedliche Reaktionen. Anfänglich waren alle Kinder begeistert, doch als ihnen bewusst wurde, dass nur eine ganz bestimmte Anzahl von Szenen ausgewählt werden dürfte, schwand in einigen Gesichtern die Vorfreude. Förderlich für die Realisation ist der Hinweis an die Kinder, dass der Kurzfilm bzw. Trailer so angefertigt werden sollte, dass die Handlung von Zuschauern, die den Spielfilm nicht kennen, nachvollziehbar sein muss.
Für diese Aufgabe benötigen die SchülerInnen ausreichend Arbeitszeit und Hilfestellungen. Einige werden Mühe haben, die Auswahl und Reihenfolge zu treffen und sich dabei von der Vorstellung leiten zu lassen, dass ein Zuschauer anschließend die Zusammenstellung zu sehen bekommt. Deshalb eignet sich die Verwendung von Karten sehr gut, da es unproblematisch ist, die Reihenfolge der Szenen zu tauschen.

Ein Trailer ist ein neu geschnittener Film

Während dieses Arbeitsprozesses bearbeiten die Kinder die Realität eines Films, sie erzählen oder berichten nicht nur über ihre Wahrnehmung oder Auffassung, sondern montieren selbst Szene für Szene und überprüfen, ob der Trailer bzw. Kurzfilm in sich schlüssig ist. Unbewusst wenden sie dabei erstmals das Prinzip der Filmmontage an.
Sollte Zeit und Technik zur Verfügung stehen, wäre es für die Kinder eine besonders große Freude und ein Gewinn, die Szenen gemeinsam mit dem Pädagogen zusammenzuschneiden.

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