Vorüberlegungen
Die Förderung der eigenen Urteilsfähigkeit und die Entwicklung eigener Bewertungskriterien stellen wichtige Lernziele im ersten Projektschwerpunkt dar. In dieser Projektphase verfassen die Kinder u. a. als RedakteurInnen einer imaginären Programmzeitschrift Sendeempfehlungen und –verrisse, die sie den MitschülerInnen vorstellen und mit ihnen diskutieren.
Als wesentlich für die Herausbildung der Urteilsfähigkeit der Kinder erweist es sich, immer wieder genügend Freiraum für das Gespräch über das Gesehene zu gewähren. Durch die Diskussion unterschiedlicher Meinungen und Empfindungen lernen die Kinder, ihre eigenen Standpunkte argumentativ zu vertreten und die anderer Kinder zu akzeptieren.
1. UNTERRICHTSSTUNDE
Der Mediensteckbrief
Nachdem sich die Projektleiter und die SchülerInnen gegenseitig vorgestellt haben, werden die Kinder zu ihren allgemeinen Medienerfahrungen befragt. Um von diesem Gespräch zu konkreten Erkenntnissen zu gelangen, erhalten die Kinder oder Jugendlichen einen Mediensteckbrief. Neben einem persönlichem Foto, das durch gegenseitiges Fotografieren mit einer Polaroid-Kamera angefertigt werden kann, werden persönliche Angaben über ihre Mediennutzung und das spezifische Fernsehverhalten erfragt (Mediensteckbrief als PDF-Datei, 11kb). Die Steckbriefe werden an die Tafel geheftet und einige Angaben miteinander verglichen, um die Gemeinsamkeiten und Unterschiede in der Mediennutzung zu verdeutlichen. Da es sich in diesem Fall um ein Projekt zum Thema Fernsehen handelt, wird im Anschluss daran ein Fernsehtagebuch vorgestellt und verteilt, in dem die Kinder oder Jugendlichen eine Woche lang die von ihnen gesehenen Fernsehsendungen eintragen werden.
Das Fernsehtagebuch
Innerhalb der ersten Projektphase (Bewusstwerdung und Reflexion der eigenen Medienrealität) führen die SchülerInnen über vierzehn Tage hinweg ein Fernsehtagebuch, in das sie gesehene Sendungen eintragen und kommentieren. Für die meisten 10- bis 12-jährigen Kinder ist diese Form der Bewusstmachung ihres Fernsehverhaltens ungewohnt. Daher ist es für sie nicht einfach, jeweils vor oder nach der Sendung an die Eintragungen zu denken. Bei ihren Notizen treffen die Kinder häufig auf Schwierigkeiten: Was trage ich ein, wenn ich ständig durch die Programme schalte? Was sehe ich dann eigentlich?
Erfahrungsgemäß werden die Tagebücher trotzdem mit Begeisterung geführt, und die auftretenden Schwierigkeiten können anschließend im Unterricht besprochen werden.
Den Erwachsenen bietet sich durch die Tagebücher ein Einblick in die für sie häufig unbekannte Fernsehwelt der Kinder. So schauen die Mädchen und Jungen dieser Altersgruppe (Klassenstufe 4 und 5) nach unseren Erfahrungen vor allem Trickfilme und Serien (Sitcoms, Daily Soaps oder Abenteuerserien). Der Schwerpunkt ihres Fernsehalltags liegt demnach in der Zeit zwischen 16 und 20 Uhr. Spielfilme, insbesondere Krimis, Gewalt- oder Horrorfilme spielen quantitativ eine untergeordnete Rolle.

Erkenntnisse und Hinweise
Bei der Vorstellung des Fernsehtagebuchs ist es wichtig darauf hinzuweisen, dass es sich um ihr ganz persönliches Tagebuch handelt. Sie müssen es weder ihren Eltern noch irgendeiner anderen Person zeigen. Sie sollten offen und ehrlich das eintragen, was sie gesehen haben. Es geht nicht darum, einem Schüler oder einer Schülerin zu verdeutlichen, dass er oder sie zu viel oder gar zu wenig gesehen hat, sondern den Bewusstseinszustand über den eigenen Fernseh- bzw. Medienkonsum zu erlangen. Häufig sind die Schülerinnen und Schüler selbst überrascht, wie viel oder wie wenig sie sehen. Auch das Zappen durch die Programme sollte notiert werden, da es sonst schwer fällt, die genauen Sendungen zu notieren, wenn das Zappen selbst Programm ist. Gesehene Video- oder Kinofilme sollen ebenfalls eingetragen werden.
Weiterführende Behandlung des Themas
In der ersten Stunde ist es wesentlich, sich gegenseitig kennen zu lernen. Das gelingt meist anhand eines konkreten Themas, so wie es bei diesem Projekt gegeben ist. Alternativ zu dem von uns unterbreiteten Stundenvorschlag könnte man mit einem Ballspiel beginnen. Auf einem Stuhl in der Mitte eines Stuhlkreises liegen mehrere Karten mit Aufschriften wie "Ich sehe fern, wenn ich...", "Gerne schaue ich...", "Gar nicht mag ich..." usw.

Die Kinder laufen zur Mitte, vervollständigen den Satz und werfen den Ball einem anderen Mitschüler zu. Wenn alle Kinder an der Reihe waren, kann man bereits bereits einige unterschiedliche Fernsehgewohnheiten feststellen. Sollte ausreichend Technik zur Verfügung stehen, können sich die SchülerInnen auch gegenseitig über ihre Vorlieben und Abneigungen in Form eines Interviews befragen. Dadurch erlangen sie "ganz nebenbei" eine erste unbekümmerte Berührung mit der Videotechnik.

2. UNTERRICHTSSTUNDE
Austausch und Bewertung der eigenen Medienerfahrungen
Zunächst werden die Schülerinnen und Schüler über ihre Erfahrungen bei der Benutzung des Tagebuchs befragt. Mögliche Fragestellungen sind:
- Gelang es ihnen, immer daran zu denken, die gesehene Sendung einzutragen?
- Haben sie die Sendungen komplett angesehen oder nur teilweise?
- Was haben sie beim "Durchzappen" der Programme eingetragen?
- Waren sie erstaunt, wie viel oder wie wenig sie ferngeschaut haben innerhalb einer Woche?
- Ist es ihnen gelungen, alle Sendungen einzutragen?
- Haben die Eltern oder Geschwister von dem Tagebuch gewusst?
- Welchen Einfluss hatte das Führen des Tagebuchs auf ihr Fernsehverhalten?
- Haben sie die Sendungen bewusster gesehen oder blieb alles so wie immer?
|
Im weiteren Stundenverlauf soll das Fernsehen gedanklich der Kategorie Medien zugeordnet werden. Zur Klärung, was alles zu Medien gezählt wird, eignet sich eine Folie, auf der verschieden Medien in einem Zimmer "versteckt" sind und die von den Kindern erkannt werden müssen. (Das Arbeitsblatt "Ein schönes Kinderzimmer" als JPG-Datei, 107 kb)
Erkenntnisse und Hinweise
Kinder wachsen heute mit einer Vielzahl von Medien auf und nutzen diese täglich. Ihnen ist aber weniger bewusst, was alles zum Begriff der Medien gerechnet wird. Da es uns zunächst um das Thema Fernsehen geht, sind die Erfahrungen bei der täglichen Fernsehnutzung von Bedeutung. Der Frage, was sie warum sehen, können sie sich selbst selten beantworten, da sie vieles entweder nebenbei oder durch Empfehlung ansehen. Das Tagebuch verschafft ihnen und uns sowohl einen quantitativen als auch qualitativen Überblick über ihr Nutzungsverhalten. In der Rückschau und beim Vortrag ihrer Tagebucheinträge wird ihnen meist bewusst, wie ihr Fernsehalltag aussieht. Viele Kinder zeigten sich während ihres eigenen Vortrags überrascht über die eigenen Sehgewohnheiten oder darüber, wie kritisch sie häufig bewerten. Ebenso deutlich wurde einigen, dass sie viele Sendungen nur ansatzweise und selten zu Ende schauen. Für diese Bewusstseinsprozesse sollte in dieser Stunde ausreichend Raum eingeplant werden, weil davon der erfolgreiche Fortgang des Projektes abhängt. Es wird auch immer einige Kinder geben, die nicht in der Lage sind, ihr Tagebuch zu führen oder immer wieder vergessen, darin einzutragen. Diese Schülerinnen und Schüler sollten erneut die Möglichkeit erhalten, dieses Tagebuch eine Woche zu führen.
Bevor sich das Projekt auf die Programmauswahl, Bewertungskriterien und die Helden von Film- und Fernsehsendungen konzentriert, muss das behandelte Medium in die gesamte Kategorie der Medien eingeordnet werden. Fernsehen ist nur ein Medium von sehr vielen, wenn auch nach wie vor das am meisten genutzte. Wir stellten immer wieder fest, dass besonders die Kinder der Klassenstufe 4 keine Vorstellung davon haben, was alles diesem Begriff zugeordnet werden kann und wie viele dieser Medien sie in ihrem täglichen Leben begleiten. Das Suchbild ist dabei eine Hilfestellung. In diesem Zusammenhang sollte hervorgehoben werden, dass die meisten Medien kommunikative und unterhaltende Eigenschaften besitzen, diese aber die individuelle, menschliche Kommunikation nicht ersetzen können und sollen.
 |